Geschichte der Standseilbahn

Zur Geschichte der Standseilbahn

Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Elbhänge rund um Dresden noch reich mit Wein bewachsen. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung zog es viele Dresdner in die Vororte der Stadt. An den Loschwitzer Hängen und auf dem Weißen Hirsch wurden viele Villen gebaut. Mit der Besiedelung wuchs aber auch der Wunsch nach einem Nahverkehrsmittel.

Die Idee einer Drahtseilbahn setzt sich durch

1873 ließ Ludwig Küntzelmann erstmals ein Projekt zum Bau einer Standseilbahn vom Körnerplatz hinauf zum Weißen Hirsch erarbeiten. Er besaß zahlreiche Grundstücke in dieser Gegend und hatte deshalb großes Interesse an der verkehrlichen Erschließung. Man beschied ihm jedoch, die Nachfrage sei zu gering, und richtete eine Pferdeomnibuslinie ein.

Als sich der Weiße Hirsch durch den Bau des Sanatoriums von Dr. Heinrich Lahmann zum Kurort entwickelte, stellten Ferdinand Dörfinger und Dr. Alfred Stössel 1890 abermals einen Konzessionsantrag. Zu dieser Zeit plante die Regierung jedoch den Bau einer Staatseisenbahn, die von Dresden-Neustadt aus den Weißen Hirsch, Bühlau, Weißig und das Schönfelder Hochland erschließen sollte. Um die unliebsame Konkurrenz auszuschalten, legte man den beiden Unternehmern unüberwindliche Steine in den Weg.

Der Eisenbahnbau erwies sich jedoch als zu teuer. Deshalb forderte die Staatsregierung 1893 Dörfinger und Stössel auf, ihr Gesuch nochmals einzureichen. Jetzt ging alles sehr schnell, am 4. September 1893 wurde die Baugenehmigung erteilt.

Die heutige Streckenführung mit der versteckt zwischen den Häusern liegenden Talstation, den beiden Tunneln und der Stahlbrücke ergab sich als Kompromiss mit den Anliegern, die möglichst nichts von ihren Grundstücken abgeben wollten.

Elf Monate Bauzeit

Gebaut wurde die Standseilbahn von der Vereinigten Eisenbahnbau- und Betriebsgesellschaft Berlin, die die Konzession von den Herren Dörfinger und Stössel übernahm. Den beiden Unternehmern waren die Kosten über den Kopf gewachsen.

Die von zwei Dampfmaschinen angetriebene Fördermaschine mit einer Leistung von 138 PS, die Seilführungsrollen und das erste Seil lieferte die Dresdner Maschinen- und Schiffsbaufabrik Übigau. Weil keiner der am Bau Beteiligten Erfahrungen mit dem Bau einer Seilbahn verfügte, lösten die Arbeiten immer wieder kleine Erdrutsche aus.

Dennoch konnte die Drahtseilbahn bereits nach elf Monaten Bauzeit am 26. Oktober 1895 ihren Betrieb aufnehmen. In den ersten Betriebstagen wurde die Bahn sehr viel benutzt. Zusätzlich zu den Ausflüglern bildete sich bald ein fester Kundenstamm.

Standseilbahn beförderte auch Kohle, Baustoffe und Pferde

Zur Beförderung standen ursprünglich zwei Hauptwagen zur Verfügung, die bei Bedarf mit zwei Vorsatzwagen zur Personenbeförderung oder zwei Güterwagen mit drehbarer Ladefläche ergänzt wurden.

Kohle und Baustoffe gelangten auf Elbkähnen bis nach Loschwitz, wurden dort auf Fuhrwerke umgeschlagen und dann per Seilbahn aufwärts befördert. Sogar Pferde wurden auf einem Pferdeplatz, geschützt durch ein gewölbtes Spannverdeck, im offenen Wagen transportiert. Ein recht kompliziertes Unterfangen, denn die Tiere scheuten bei dem Lärm und der Finsternis in den Tunneln. Phlegmatische Ochsen waren deshalb beliebter. Bald suchten sich die Kutscher jedoch einen anderen Weg, und der Güterverkehr auf der Standseilbahn wurde eingestellt.

Weil es noch keine Abwasseranschlüsse gab, mussten zudem Fäkalien talwärts geseilt werden. Das „anrüchige“ Geschäft durfte allerdings nur nachts abgewickelt werden. Nach gleicher Vorschrift genossen Feuerwehr und Ärzte aus Loschwitz das Recht der Sofortbeförderung, wenn auf dem Weißen Hirsch dringende Hilfe nötig war.

Seit 1912 im städtischen Besitz

Am 18. März 1897 gründete die Vereinigte Eisenbahnbau- und Betriebsgesellschaft Berlin mit der Drahtseilbahn Loschwitz – Weißer Hirsch AG ein Tochterunternehmen für den Betrieb der Bahn. Danach wechselte sie noch zwei Mal den Besitzer: 1906 gelangte sie in den mehrheitlichen Besitz der Elektra AG, die die benachbarte Schwebebahn betrieb. Seit 1912 ist sie Eigentum der Stadt Dresden. Den Auftrag zum Betrieb erfüllt seit dem die Dresdner Verkehrsbetriebe AG.

Abschied von den Dampfmaschinen

Auch die technische Entwicklung schritt voran. Wurde die Bahn bislang durch zwei Dampfmaschinen betrieben, entschied man sich 1909, auf den elektrischen Betrieb umzustellen. Das hieß aber nicht, dass nun auch die Wagen elektrisch versorgt wurden. Elektrische Beleuchtung und Heizung erhielten sie erst 1932 mit dem Bau der Oberleitung auf der gesamten Strecke. 1934 wurden die Wagen von der Firma Christoph & Unmag in Niesky erstmals erneuert.

Die Bombennacht von 1945 und ihre schweren Folgen

Mit dem zweiten Weltkrieg kamen auch für die Standseilbahn schwere Jahre. Um das Zugseil zu schonen und den Betrieb so lange wie möglich aufrechterhalten zu können, verzichtete man ab 1940 auf die Vorsatzwagen. Nur noch die notwendigsten Instandhaltungsarbeiten konnten durchgeführt werden. Mit der Bombenacht vom 13. Februar 1945 kam auch für die Standseilbahn das vorläufige Aus. Weil das Personal die Wagen vor jedem Bombenalarm in die Tunnel gefahren hatte, waren diese zum Glück unversehrt. Die untere Station war zwar zerstört, aber die Bahn konnte bereits nach wenigen Tagen wieder fahren und war in dieser Zeit eines der wenigen noch funktionstüchtigen Verkehrsmittel der Stadt.

Unter Denkmalsschutz gestellt

Nach Kriegsende begann der schwere Neuanfang. Erst ab 1960 war es möglich, die Standseilbahn nach und nach zu modernisieren. In den Jahren 1962/63 wurden in der Straßenbahnwerkstatt Trachenberge neue Wagen gebaut. Sie boten Fahrgästen und Personal mehr Komfort und verfügten über ein geschlossenes Gepäckabteil.
Nachdem die Standseilbahn 83 Jahre lang ohne größere Unterbrechungen gefahren war, wurde 1978/79 eine Generalreparatur notwendig. Die Fördermaschine, der obere Tunnel, das Gerüstviadukt und die Wagen mussten instand gesetzt werden.
1984 wurde die Standseilbahn in ihrer Gesamtheit als technisches Denkmal unter besonderen Schutz gestellt. Schließlich war der technische und bauliche Originalzustand nahezu erhalten.

Umfangreiche Rekonstruktion der hundertjährigen Standseilbahn

Nach der Wende war eine Modernisierung der gesamten Bahnanlage notwendig geworden. 1993/94 wurde die Standseilbahn unter der Regie des Generalauftragnehmers Waagner-Biró GmbH einer umfangreichen Rekonstruktion unterzogen und musste deshalb vorübergehend stillgelegt werden. Die schwierigste Aufgabe bestand darin, die Technik auf den neuesten Stand zu bringen, dabei aber so viel wie möglich im Original zu erhalten. Das wohl beste Beispiel dafür ist das Maschinenhaus, in dem eine leistungsfähigere Fördermaschine eingebaut wurde, die sich dem Original entsprechend in das Gesamtbild einfügt.

Die obere Station wurde restauriert und mit einem Bedienstand am Bahnsteig versehen. Der Maschinist zog damit aus dem Keller ans Tageslicht. Mit der neuen transparenten Überdachung erhielt die Talstation ein neues Gesicht. Die Tunnel wurden saniert und das Gerüstviadukt sowie die Streckenausrüstung erneuert. Die Wagonbau Bautzen GmbH baute neue größere Wagen mit zwei breiten Gepäckabteilen für Kinderwagen, Rollstühle und Fahrräder. Am 22. Oktober 1994 erstrahlte die Standseilbahn wieder in neuem Glanz und pendelt seither wie eh und je bergauf, bergab zwischen dem Körnerplatz und dem Weißen Hirsch.

 

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